Tagung: "Richtig versichert?"
Die meisten SüdtirolerInnen sind falsch versichert

Die meisten SüdtirolerInnen sind falsch versichert, sagte der Geschäftsführer der Verbraucherzentrale Südtirol (VZS), Walther Andreaus auf der heutigen Konferenz auf der Bozner Messe zum Thema: "Richtig versichert?". Als Ursache nannte die VZS falsche Anreize für Versicherungsvermittler und eine Benachteiligung der Verbraucher im geltenden Versicherungsrecht.
Die Südtiroler gaben im Jahr 2004 insgesamt 667 Mio. Euro für Versicherungen aus. 53% davon für Lebensversicherungen (auf nationaler Ebene 64%) und 47% für Schadensversicherungen (davon insgesamt 20% für Haftpflichtversicherung).

Prämienaufkommen in Europa im Jahr 2004 in Euro (pro Kopf):

Südtirol 1.398,20
Italien 1.818,60
Schweiz 4.687,40
Großbritannien 3.696,80
Frankreich 2.630,40
Deutschland 1.875,00
Österreich 1.770,90

Quellen: ISVAP/ASTAT

Die Zurückhaltung ist sicher auf unzureichende Beratung und Mißtrauen gegenüber den Versicherungen zurückzuführen. Ein Beispiel für Fehlentwicklungen im Versicherungsmarkt seien Kapitallebensversicherungen. Konsumentenschutzverbände halten die Kapitallebensversicherung - auch Erlebensversicherung genannt - für eine schlechte Wahl. Altersvorsorge ist eher ein Geldanlageproblem als ein Versicherungsproblem. Es sei daher sinnvoller, sich mit einer Risikolebensversicherung gegen den Todesfall abzusichern (für diejenigen die den Bedarf überhaupt haben) und den Rest des Geldes gut verzinst langfristig anzulegen. Informationen dazu bekommt man im Konsuma-Ratgeber "private Altersvorsorge".

53% der Versicherungsprämien gehen allein in die Kapitalebensversicherung. 60% der Verträge werden vor Ende der Laufzeit meist mit erheblichem Verlust gekündigt oder beitragsfrei gestellt. Häufig als zentraler Pfeiler der privaten Altersvorsorge geplant, wird die Versicherung hierdurch für einen großen Teil der Kunden zum Verlustgeschäft.

Eigenverantwortung vs. mangelnde Transparenz

Die Eigenverantwortung der Verbraucher ist künftig in immer mehr Bereichen gefordert. Die sozialen und wirtschaftlichen Folgen eines unzureichenden Versicherungsschutzes werden sich künftig also noch verstärken. Die derzeitige Situation ist mehr als unbefriedigend und läßt sofern es zu keinem drastischen Kurswechsel kommt, nichts Gutes erwarten. Dabei sind beispielsweise 43% der Südtiroler nicht gegen Großschäden aller Art, wie sie von der privaten Haftpflichtversicherung gedeckt werden, abgesichert. Weitere 54% wissen nicht wie hoch sie versichert sind oder sind zu niedrig versichert. Nur ganze 3% stehen auf der "sicheren" Seite. Keine gute Situation für eine Versicherung die Jede/r im ausreichenden Maße brauchen würde.

Der Versicherungsmarkt gehört zu den am wenigsten transparenten Märkten. Die Information beim Vertragsabschluss über das, was die Versicherung abdeckt und vor allem darüber, was sie nicht abdeckt, ist höchst lückenhaft. Derzeit ist es sogar üblich und vom Gesetzgeber geduldet, dass Versicherungen ihren Kunden die Vertragskonditionen erst nach Abschluss des Vertrages mitteilen.

Die Intransparenz hat System: nur so ist es verständlich, warum beispielsweise der Markt für Unfallversicherungen boomt - obwohl es viel wahrscheinlicher ist, dass jemand durch Krankheit seine Arbeitskraft verliert als durch Unfall. Und noch einen Punkt in Sachen Transparenz: auch der neue Versichertenkodex sieht keine Pflicht zum Ausweis der Abschlussprovision vor. Denn dieser würde den Verbrauchern deutlich machen, dass die bisher kostenlos scheinende Beratung durch Versicherungsvermittler alles andere als kostenlos ist. Wenn transparent würde, was die Verbraucher für den Vermittler bezahlen müssen, dann würden sie stärker als bisher die Dienste wirklich unabhängiger Versicherungsberater oder von Verbraucherorganisationen in Anspruch nehmen und besser als bisher beraten werden.
Diesbezüglich bietet die Verbraucherzentrale beispielsweise den Versicherungscheck an, welcher für den Durchblick im Versicherungsdschungel sorgt. Aber auch das Online-Informationsangebot hilft bei der Entscheidung im Versicherungsbereich weiter.

Versicherungen schauen auf die eigene Tasche

Versicherungsgesellschaften sind mittlerweile zu reinen gewinnorientierten Unternehmen mutiert. Das Problem liegt darin, dass die Differenz zwischen eingezahlten Prämien und ausgezahlen Schadenssummen den Gewinn darstellt. Man kann sich daher vorstellen, dass "Gewinnoptimierungsmaßnahmen" die das Ziel jeden Unternehmens sind, sich sicher nicht zum Vorteil der Versicherten auswirken (können). Während die Versicherer über die Eintrittswahrscheinlichkeit von Schäden genauestens Bescheid wissen, trifft dies nicht für die Versicherten zu. Es fällt daher den VerbraucherInnen schwer, aus der unüberschaubaren Vielfalt an Anbietern und Angeboten das „richtige“ Paket zu schnüren. Zu oft "vergessen" sie wegen der mangelhaften Beratung wichtige Versicherungsarten oder sind wegen der Unverständlichkeit der Versicherungsverträge unzureichend und mangelhaft versichert.

Die Verbraucherzentrale hat als neutrale Beratungseinrichtung die Aufgabe, durch ihre Tätigkeit das Verhältnis zwischen den Versicherten und den Versicherungsgesellschaften so zu verbessern, dass die wirklichen Funktionen von Versicherungen optimal angeboten werden. Denn eines ist klar, die VerbraucherInnen können nicht selbst schultern was nur eine Versicherungsgemeinschaft übernehmen kann.

Welche Versicherung?

Als Prinzip beim Versichern gilt: Jeder sollte die Risiken versichern , die existenzbedrohend sind. Und das kann je nach Lebenslage etwas anderes sein. Berufseinsteiger etwa benötigen weniger Versicherungsschutz als Familien.

Generell gesehen kann folgende Tabelle weiterhelfen (gilt vor allem für ArbeitnehmerInnen und RentnerInnen):

Wer braucht welche Versicherungen?

Polizze

Privathaft-
pflicht

Krankheit (Invalidität)

Risiko-Leben

Unfall (Invalidität)

Alleinstehende Junioren +2 +2 -2 +2
Ehe/eheähnliche Gemeinschaft, berufstätige Singles +2 +2 0 +2
Familie mit kleinen Kinder, Alleinerziehende +2 +2 +2 +2
Familie mit großen Kindern +2 +1 +1 +1
Familie nach Kindererziehung +2 0 0 0
Alleinstehende Rentner +2 -2 -2 -2

Legende: + 2 = unbedingt notwendig, - 2 = nicht notwendig, 0 = neutral

Bauen Sie Ihren Versicherungsschutz nach dem Prinzip des schlimmtmöglichen Falls auf: Führen Sie sich die Folgen von Tod, Invalidität und Großschäden vor Augen. Dann wird klar, welche Versicherungen wirklich notwendig sind. Dabei ist zu beachten:

  • Beim Schutz im Todesfall: Wer zahlt wieviel im Fall des Todes
  • Bei eingetretener Invalidität: die gesetzliche Rente erreicht manchmal nur die Mindestrente und für die jüngeren nicht einmal diese.
  • Bei Großschäden aller Art: Jeder haftet ohne Versicherungsschutz für selbstverschul-dete Schäden in unbegrenzter Höhe.
  • Kleinere Risiken mit geringen finanziellen Folgen sollten sie nicht versichern. Überflüssiger Versicherungsschutz kostet nur unnötig Geld.
  • Den Internet- oder Verbraucherzentrale Tarifvergleich (Versicherungscheck und KFZ-Versicherungscheck) können Sie auch nutzen, wenn es darum geht, günstigere Prämien bei Ihren bisherigen Versicherungsgesellschaften auszuhandeln.

Walther Andreaus, Geschäftsführer


Bozen, 15.09.2005